T100 in Singapur

Vor ungefähr einem Jahr, in einem Zustand der geistigen Umnachtung, meldete ich mich für die Triathlon-Veranstaltung in Singapur an.

2 Kilometer Schwimmen, gefolgt von 80 Kilometern auf dem Rad und dem anschließendem 18 Kilometer Lauf. In Summe 100 km.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich weder eine olympische Disziplin gemacht, noch bin ich 2 Kilometer am Stück geschwommen.

Was mich dazu motiviert hat, kann ich im Nachhinein nicht wirklich beantworten. Der bevorstehende halbrunde Geburtstag und die Einsicht, dass manche Gelegenheiten sich nie wieder ergeben würden, könnten die Gründe dafür sein. Die Tatsache, dass ich unter dem Sternzeichen des Widders geboren wurde und damit bereits als Kind schon Hartnäckigkeit, manchmal zum Leid meiner Eltern, bewiesen habe, ebenfalls. Aber warum musste es, im Anbetracht der vielen Höhenmeter auf der Radstrecke und der hohen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit, gleich das härteste Rennen sein? Ich glaube, ich wollte mir selbst beweisen, dass ich es schaffen kann.

Mir war klar, dass dieses Rennen ohne eine gründliche Vorbereitung zu einer großen Qual werden könnte. Außerdem hatte ich Angst, die CutOff Zeit (6,5 Stunden) nicht einhalten zu können. Noch größere Sorgen hatte ich, was übrigens auf die meisten Triathleten zutrifft, vor dem Schwimmen.

Die Motivation für das Training war oft von Angst impliziert. Der Schweinehund, von dem ich bereits berichtet habe, hatte absolut keine Chance. Mal mehr, mal weniger konsequent, durch kleine Wehwehchen und Urlaube bedingt, zog ich also meinen Trainingsplan durch.

Die letzten Wochen vor dem entscheidenden Tag lebte ich im Wechselbad der Gefühle. Mal war ich zuversichtlich, es in Summe gut zu schaffen, mal war da wieder die Sorge vor cutoff Zeiten, dann wieder die Angst vor dem Schwimmen. Glücklicherweise wurde ich von einigen Menschen umgeben, die mir mit konkreten Tatsachen den Rücken stärkten und gut zuredeten.

Tatsächlich reagierte meine Pekinger Umgebung mit Ehrfurcht auf mein Vorhaben. Sie alle glaubten an mich. Danke.

Am 6. April um 7 Uhr morgens war es dann soweit. Alle Damen in meiner Altersklasse 45-49 und älter gingen an den Start. Es wurde im Marina Bay geschwommen, die eigens für dieses Rennen zum Schwimmen freigegeben wurde. Es können also nicht sehr viele Menschen von sich behaupten, hier geschwommen zu haben.

Die Aufregung saß tief in mir. Ich war sehr kurzatmig, was das Kraulen komplett behinderte. Ebenso konnte ich nicht wirklich Brustschwimmen, da ich zum falschen Zeitpunkt den Reflex zum Einatmen verspürte. So schwamm ich erst mal im Oma Brustschwimmstil. Aber ich kam vorwärts und das war in dem Moment wichtig. Nach einer Weile legte sich dann die Aufregung und ich konnte richtig Brustschwimmen und zum Schluss dann Kraulen, nachdem die Beine, die in Summe noch über 98 km vor sich hatten, anfingen, sich schwer anzufühlen.

Raus aus dem Wasser war ich super glücklich. Meine Sorgendisziplin hatte ich gemeistert und ich war stolz nicht das Handtuch geworfen zu haben. Die Idee hatte ich tatsächlich kurz gehabt, jedoch schnell verworfen, denn dann wären alle die Trainingsstunden auf dem Rad und Laufband umsonst gewesen. Ich wollte heute schließlich abliefern.

Auf der Fahrradstrecke ging dann direkt der Spaß los. Die erste Brücke mit etlichen Höhenmetern fühlte sich wie eine Wand an. Uff. Die Radrunde musste fünf Mal absolviert werden und ich verfluchte insgeheim den Streckenplaner. Ich überholte einige müde Duathleten die an der Brücke zum Schieben abgestiegen sind. Das beflügelte mich natürlich sehr. Spätestens bei der fünften Runde, kämpfte auch ich. Mein Sitzfleisch freute sich auf den anstehenden Lauf.

Der Lauf ging gut von Statten. Direkt nach paar Metern traf ich auf Boris der mir bereits ein paar nasse Schwämme zum Kühlen überreichte. Er überholte mich auf der Radstrecke und war mir einige Kilometer voraus. Ich entschied auf meinen Körper zu hören und lief langsamer als ursprünglich geplant – Ankommen war wichtiger. Sicherlich habe ich dabei zu tief gegriffen. Aber es war egal, denn in meiner Altersklasse kam ich als 7. ins Ziel und sicherte mir damit eine Einladung für die Triathlon -100 km- Age group world championship in Qatar.

Auf den letzten Metern Richtung Ziel war ich super glücklich. Zum Wundern mancher Zuschauer feierte ich mich selbst, auch wenn ich nicht besonders schnell war. Aber ich habe es geschafft.

Im Ziel wurde ich von Boris in Empfang genommen und gefeiert. Er durfte mir sogar die Medaille überreichen. Ein unvergesslicher Moment, den Boris hat zu keinem Zeitpunkt an mir gezweifelt und mich immer wieder motiviert und auf der Strecke versorgt. Nun habe ich meine erste Mitteldistanz hinter mir.

Meine Hoffnungen, nach dem Rennen in Singapur wieder weniger zu trainieren und meinen Fokus auf die Chinesisch-Prüfung zu verlagern, verpufften mit der Möglichkeit in Qatar zu starten recht schnell.

Natürlich habe ich mir über die Teilnahme in Qatar einige Gedanken gemacht, insbesondere im Hinblick auf meine fehlende Leidenschaft zum Schwimmen. Aber vermutlich ist es wieder eine dieser Möglichkeiten, die mir kein zweites Mal gewährt wird.

ju

Ein Kommentar zu “T100 in Singapur

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